Kritiken der Produktion "Der Freischütz"
(zusammengestellt von Klemens Roloff)
https://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20252026/BN-der-freischuetz.html
https://onlinemerker.com/bonn-opernhaus-der-freischuetz-alptraum-fuer-deutschland/
https://www.opera-online.com/de/columns/rsiepmann/oktroi-statt-vermittlung-regie-agitiert-im-deutschen-alptraum
https://ga.de/news/kultur-und-medien/regional/oper-bonn-freischuetz-polarisiert-das-publikum-kritik_aid-147788651
https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=26932:der-freischuetz-theater-bonn-volker-loesch-und-lothar-kittstein-besetzen-webers-romantische-oper-mit-den-gesichtern-der-afd&catid=177
https://deropernfreund.de/kontrapunkt/kontrapunkt-rettet-den-freischuetz/
https://deropernfreund.de/theater-bonn/bonn-der-freischuetz-carl-maria-von-weber-2/
https://opernmagazin.de/was-traf-er-denn-he-he-he-der-freischuetz-in-der-oper-bonn/
https://www.nmz.de/kritik/oper-konzert/odin-der-schaeferhund-webers-freischuetz-bonn
Generalanzeiger Bonn 04.05.2026
Premiere an der Bonner Oper
Volker Löschs politischer „Freischütz“ polarisiert das Publikum
Bonn. Der „Freischütz“ spielt im verlassenen Bonner Bundestag, lässt Samiel als Demagogin auftreten und endet mit einer Wahlempfehlung gegen die AfD. Während die Politisierung der Oper auf Zustimmung und lauten Widerstand stößt, feiert das Publikum die Musik einhellig.
Von Bernhard Hartmann
In Bonn trägt der Teufel nicht Prada, sondern AfD-Blau. Und Blondperücke. Noch bevor das Orchester loslegt, gibt diese „Freischütz“-Deutung unmissverständlich ihre Richtung an: Birte Schrein tritt als Samiel vor den Vorhang und erklärt dem Publikum: „Ich bin Ihre nächste Bundeskanzlerin.“ Regisseur Volker Lösch liest Carl Maria von Webers Oper 200 Jahre nach dem Tod des Komponisten nicht als Schauermär, sondern als politisches Lehrstück über Angst, Verführung und die Sehnsucht nach der einfachen Lösung.
Samiel, die Demagogin
Schreins Samiel ist dabei eine Demagogin, die die Sprache des politischen Populismus perfekt beherrscht. Dass diese Zuspitzung provoziert, ist Teil des Konzepts. Der Bonner Autor Lothar Kittstein hat die kompletten Dialoge und einige Gesangstexte im Sinne der politischen Agenda dieser Inszenierung ersetzt.
Im Zentrum dieser Lesart steht nicht nur Samiel, sondern vor allem Max. Lösch macht aus dem „besten Schützen“, der plötzlich nicht mehr trifft, einen Afghanistan-Veteranen, der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Sein Versagen beim Wettschießen ist deshalb nicht bloß peinlich, sondern ein Symptom. Max’ Schussangst wird zum Prüfstein seiner Männlichkeit, seiner Zugehörigkeit und seiner Zukunft. Max soll der Schwiegersohn von Kuno werden, dem Parteichef. Und nach dem Wahlsieg ist für ihn das neu geschaffene Amt des „Heimatministers“ vorgesehen.
Der verlassene alte Bundestag
Die Bildwelt von Carola Reuther verankert diese Lesart in einem ebenso konkreten wie symbolisch aufgeladenen Raum: dem verlassenen Bonner Bundestag, ein „lost place“ der Demokratie, der im Verlauf des Abends langsam von Pflanzen zugewuchert wird. Video (Robi Voigt) und Licht (Max Karbe) tauchen ihn in eine dann doch wieder fast wild romantische Atmosphäre; über allem schwebt der Bundesadler als Relikt der Bonner Republik.
Seit Löschs Bonner „Fidelio“ und seiner „Mahagonny“-Inszenierung weiß man, dass der aus dem politischen Sprechtheater kommende Regisseur auch im Musiktheater auf seine bewährten Mittel setzt. Ein beliebtes Mittel ist der Einsatz von Sprechchören. Der wieder einmal großartige, von André Kellinghaus einstudierte Opernchor ist singend wie auch in dieser neuen Rolle eine Wucht. Ein anderes Stilmittel: Auf die Rückwand der Bühne projizierte Zitate unter anderem von Björn Höcke und Maximilian Krah machen deutlich, wie nah die vermeintlich ferne Oper sich entlang aktueller Debatten bewegt.
Samiels Attentatspläne
Konsequent wird auch das zentrale Motiv der Freikugeln entzaubert: Was bei Weber magisch trifft, erscheint hier als autoritäres Versprechen totaler Problemlösung. Die Wolfsschlucht ist in Bonn ein Parkhaus, wo Max und Kaspar sechs Freikugeln auf eingeblendete migrantische Ziele abfeuern. Zugleich offenbart Samiel als kommende Bundeskanzlerin ihre Pläne für ein vermeintliches Attentat auf den aktuellen Bundeskanzler, als dessen Retter sie sich jedoch in einem genialen Propagandaschachzug schließlich inszenieren wird.
Dabei scheut Lösch die offene Reibung mit dem Publikum nicht. Zwischenrufe, den Wunsch „Wir wollen den ‚Freischütz‘ sehen“, greift Samiel zu Beginn des dritten Akts von der Intendantenloge aus auf: „Lassen Sie mich ausreden!“, ruft Birte Schrein im Talkshow-Stil und beruhigt: „Wenn ich Kanzlerin bin, gibt es auch wieder einen vernünftigen ‚Freischütz‘.“ Ein Versprechen mit Hintersinn: In Sachsen-Anhalt befürchten politische Beobachter nicht ohne Grund Eingriffe in die Spielpläne der Theater, sollte die AfD ab Herbst regieren.
Der Holzhammer liegt immer griffbereit
Doch wo die Inszenierung allzu deutlich politisch Flagge zeigt, zeigt sich auch ihre Schwäche: Lösch vertraut zu oft auf den demonstrativen Effekt. Der Holzhammer liegt hier immer griffbereit. Die Inszenierung der Agathe als Tradwife in spe ist hingegen gelungene Satire: Urkomisch, wie Agathe und Ännchen das Warten auf Max mit Social-Media-Videos über das „schöne Leben“ der treu sorgenden Ehefrau überbrücken.
Dass der polarisierende Abend trotz Schwächen überzeugt, liegt entscheidend auch an der musikalischen Seite, die am Premierenabend immer wieder durch Bravo-Rufe gewürdigt und am Ende mit Ovationen belohnt wurde. Lothar Koenigs, dessen Karriere in den 1990er Jahren in Bonn als Kapellmeister begann, führt das Beethoven Orchester mit Präzision und klanglicher Sensibilität. Die Partitur atmet, differenziert sich in feinen Farben aus, lässt den Stimmen Raum und behält doch ihre eigene Spannung.
Musikalisch hohes Niveau
Auch gesungen wird auf hohem Niveau. Kai Kluge gestaltet den Max so, wie Weber ihn fordert: Mit lyrischer Beweglichkeit, dramatischer Reserve und einem Ausdruck, der bei aller vokalen Präsenz auch Unsicherheit, Angst und Verzweiflung hörbar macht. Alyona Rostovskaya verleiht Agathe Legatokultur und inneren Glanz (Publikumsreaktion: „Himmlisch!“). Nicole Wacker ist als Ännchen wendig, hell, spielfreudig, dabei musikalisch präzise und darstellerisch so präsent, dass die Figur auch im ideologisch aufgeladenen Konzept nicht verloren geht. Tobias Schabel gibt Kaspar mit dunkler Färbung, charakterlicher Schärfe und jener Energie, die die Wolfschlucht-Szenen tragen muss. Und Johannes Mertes, der den Ottokar als Bundeskanzler Friedrich Merz mimt, trifft seine Parodie mit frappierender Genauigkeit – Frisur,Mimik und sogar Tanzstil –, ohne die stimmliche Seriosität preiszugeben. Martin Tzonev (Kuno), Ralf Rachbauer (Kilian) und der junge Christopher Jähnig (Eremit) runden das Ensemble auf hohem Niveau ab.
Am Ende: eine in riesigen Buchstaben projizierte Wahlempfehlung für die Bundestagswahl 2029 gegen die AfD. Und Jubel und Buhrufe für die Regie.